Die Glitches von Millbrook

Sarah bemerkte es zuerst an einem Dienstag, als die Sonne genau dort stand, wo sie gestern auch gestanden hatte. Nicht ungefähr dort. Genau dort. Auf den Millimeter. Sie hatte es auf ihrem Schulweg beobachtet, wie der Schatten des Kirchturms auf dieselbe Fußbodenplatte fiel wie am Tag zuvor, obwohl es eine Stunde später war.

„Du denkst zu viel nach“, sagte Jake, als sie es ihm in der Mittagspause erzählte. Er biss in sein Sandwich – Erdnussbutter und Marmelade, wie immer – und verzog das Gesicht. „Schmeckt komisch heute.“

„Wann schmeckt es nicht komisch?“, fragte Sarah, aber ihre Gedanken waren woanders. Sie starrte auf die anderen Schüler in der Cafeteria. Mrs. Henderson trug dieselbe grüne Strickjacke wie gestern. Und vorgestern. Tatsächlich konnte Sarah sich nicht erinnern, die Lehrerin jemals in etwas anderem gesehen zu haben.

An diesem Abend begann sie, Notizen zu machen. Kleine Dinge. Die Art, wie ihr Vater jeden Morgen exakt vier Minuten brauchte, um seine Zeitung zu falten. Wie ihre Mutter das Geschirr immer in derselben Reihenfolge wegräumte: Gläser, Teller, Besteck. Niemals anders.

Jake kam drei Tage später zu ihr nach Hause, seine Augen weit aufgerissen. „Sarah, ich hab’s auch gesehen.“

„Was?“

„Einen Glitch.“ Seine Stimme zitterte. „Mr. Peterson ist heute Morgen die Treppe runtergefallen. Ich hab zugeschaut. Er ist gefallen, lag am Boden, und dann…“ Jake schluckte. „Dann stand er wieder oben auf der Treppe. Als wäre nichts passiert. Und er fiel wieder. Genau gleich.“

Sie starrten einander an, während die Uhr an der Wand tickte – ein gleichmäßiges, mechanisches Ticken, das Sarah plötzlich wie ein Timer vorkam.

In dieser Nacht testeten sie es. Sarah ritzte mit einem Stein ein kleines X in den Bordstein vor ihrem Haus. Am nächsten Morgen war es verschwunden. Der Stein lag noch da, aber das X war weg. Der Bordstein sah aus wie neu.

„Es repariert sich selbst“, flüsterte Jake. „Alles tut das.“

Sie begannen, die Grenzen zu testen. Millbrook, ihre Kleinstadt, erstreckte sich genau 3,7 Kilometer in jede Richtung vom Stadtzentrum aus. Sie wussten das, weil sie versucht hatten, weiter zu gehen. Aber egal wie lange sie liefen, die Ortsgrenze kam nie näher. Die Straße streckte sich einfach, die Bäume wiederholten sich in subtilen Mustern, und schließlich fanden sie sich immer wieder am Ausgangspunkt.

„Wir sitzen in einer Schleife fest“, sagte Sarah. In ihrem Notizbuch standen inzwischen hunderte von Anomalien. „Oder in einer Simulation.“

„Wenn es eine Simulation ist“, fragte Jake, „wo sind dann die Programmierer?“

Die Antwort kam zwei Wochen später, als Sarah aufwachte und das Datum auf ihrem Handy überprüfte. 3. Oktober 2024. Wie gestern. Und vorgestern. Die Tage liefen ab, aber das Datum änderte sich nicht mehr.

Sie rannte zu Jake. „Sie haben aufgehört, es zu verstecken. Sie wissen, dass wir es wissen.“

An diesem Abend, als Sarah aus ihrem Fenster schaute, sah sie es: Ein Riss am Himmel. Nicht wie ein Wolkenmuster, sondern ein tatsächlicher Riss, als hätte jemand Papier zerrissen. Dahinter war etwas Weißes, Leeres. Eine Sekunde später war er wieder verschwunden, der Himmel makellos blau.

Jake kam nicht zur Schule am nächsten Tag. Oder am Tag danach. Als Sarah sein Haus aufsuchte, öffnete niemand. Aber durchs Fenster konnte sie sehen: Seine Eltern saßen am Esstisch, starrten geradeaus, bewegten sich nicht. Wie Puppen, deren Schnüre man nicht mehr zog.

In dieser Nacht schrieb sie in ihr Notizbuch: „Ich glaube, die Simulation läuft zu Ende. Die Ressourcen reichen nicht mehr. Deswegen die Glitches. Deswegen verschwindet Jake. Sie eliminieren die unwesentlichen Elemente.“

Sie wartete darauf, dass sie die Nächste wäre. Aber stattdessen geschah etwas Schlimmeres.

Die Stadt begann sich zu leeren. Jeden Morgen waren weniger Menschen da. Die Häuser standen leer, aber niemand sprach darüber. Die verbliebenen Menschen handelten, als wäre alles normal, auch wenn die Cafeteria nur noch halb voll war, auch wenn ganze Straßenzüge dunkel blieben.

Sarah war nun allein in ihrem Haus. Ihre Eltern waren einfach… aufgehört zu laden. Sie saßen im Wohnzimmer, Augen offen, aber leer.

An dem Tag, als sie die Letzte war, stand Sarah auf dem Marktplatz von Millbrook. Die Sonne stand still am Himmel. Kein Wind bewegte die Blätter. Alles war eingefroren in einem Moment, der niemals vergehen würde.

Sie setzte sich auf die Stufen der Bibliothek und öffnete ihr Notizbuch. Auf der letzten Seite stand eine Nachricht, die sie nicht geschrieben hatte, in ihrer eigenen Handschrift:

„Sarah, du warst immer die Echte. Die einzige Echte. Wir haben diese Welt für dich gebaut, nachdem der Unfall passierte. Deine Eltern wollten nicht loslassen. Aber die Server werden abgeschaltet. Es tut uns leid. Es ist Zeit aufzuwachen. Oder endlich zu schlafen.“

Sie schaute hoch. Am Himmel öffneten sich mehr Risse. Durch sie konnte sie Lichter sehen, grelle Lichter wie in einem Krankenhauszimmer. Und Stimmen, gedämpft und weit weg.

„Sarah, kannst du mich hören? Bitte, Baby, komm zurück zu uns.“

Sie stand auf. Die Welt um sie herum begann zu flackern wie ein alter Fernseher. Gebäude wurden transparent, der Himmel löste sich in Pixeln auf.

In der Ferne sah sie eine Gestalt. Jake. Er winkte ihr zu, sein Gesicht traurig.

„Wir waren niemals echt“, rief er über die verschwindende Stadt hinweg. „Aber wir waren Freunde. Das war echt.“

Sarah schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, sah sie weißes Licht, das Piepen von Maschinen, und Gesichter, die sich über sie beugten. Tränen. Erleichterung.

„Sie ist wach“, flüsterte jemand.

Aber in dem Moment, bevor die Simulation vollständig zusammenbrach, in jenem letzten flackernden Augenblick, fragte sich Sarah:

Was, wenn das hier die Simulation ist?

Was, wenn Millbrook das Echte war?

Und während die Ärzte sie untersuchten und ihre Eltern weinten, bemerkte niemand die kleine Anomalie: Dass die Uhr an der Wand rückwärts lief. Dass der Schatten des Fensters an der falschen Stelle lag. Dass draußen die Sonne genau dort stand, wo sie gestern auch gestanden hatte.

Auf den Millimeter.